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Integration geht nur langfristig
(31.01.2020)

Sozialdezernent Andreas Ruhl setzt sich für Ausdauer sowie Finanzmittel und kontinuierliche Bildung ein

Schwerin • Integration ist ein Prozess. Integration funktioniert nur, wenn beide Seiten mitmachen. Integration ist eine Herausforderung. Diesen Dreiklang unterschreibt Andreas Ruhl (Foto 1) in seiner Funktion als Sozialdezernent. Er findet: „Die meisten Aufgaben der Integration haben Träger, Behörden und Ehrenamtler beeindruckend gemeistert. Wir beherbergen mehr als 20 Prozent der Geflüchteten in Mecklenburg-Vorpommern. Das ist viel. Deshalb dürfen wir nicht nachlassen.“

Er spricht vor allem das Finanzielle an, denn nur damit lassen sich Stellen in der Sozial-
arbeit schaffen und Integrationsprojekte aufrechterhalten. „Wir wenden pro Jahr etwa sechs Millionen Euro für Integration auf“, erzählt Andreas Ruhl. „Rund vier Millionen stemmen wir aus städtischen Mitteln. Und jetzt sollen noch Landesmittel wie die 100-Euro-Pauschalförderung gekürzt werden.“ Angesichts der steigenden Flüchtlingszahlen auf der einen und der vielfach ausgezeichneten Integrationsprojekte der Stadt auf der anderen Seite passt das für den Sozialdezernenten nicht zusammen.
Derzeit leben rund 4.000 Geflüchtete in Schwerin, darunter auch Familiennachzüge. Mehr als die Hälfte von ihnen kommen aus Syrien, gefolgt von Menschen aus der Ukraine, dem Irak, Eritrea und dem Iran. Wer nach MV kommt, gelangt zunächst in eine der Erstaufnahme-Stationen – entweder in Nostorf-Horst in der Nähe von Boizenburg oder Stern-Buchholz. Dann kommen drei Möglichkeiten für den Geflohenen in Betracht: Entweder wird er als Schutzsuchender anerkannt und darf dauerhaft bleiben oder er wird für eine Zeitlang geduldet. Im schlimmsten Fall wird sein Asylgesuch abgelehnt.
„Bei der Unterstützung derjenigen, die bleiben, stoßen wir oft an unsere Grenzen“, erklärt Sozialdezernent Andreas Ruhl. „Integration funktioniert nur langfristig, Projektförderung ist aber regelmäßig nur auf ein Jahr begrenzt. Außerdem fehlen vor allem Kinderärzte in unserer Stadt.“
Wer sich voll integrieren möchte, will auch arbeiten. Dazu sind Sprachkenntnisse notwendig. Den Großteil der erwerbsfähigen Migranten fängt das Jobcenter in Fortbildungen auf. Gerade weil sie zu diesem Zeitpunkt noch keine neuen Kontakte im Berufsalltag knüpfen können, sind Integrationsprojekte unabhängig von Sprachkursen wichtig. „Für Mädchen und Frauen bieten wir über die Caritas eine Begegnungsstätte als Anlaufstelle an“, nennt Andreas Ruhl eines der zahlreichen Angebote zuerst. „Hier finden sie einen geschützten Raum, um sich neu zu orientieren. Es ist wichtig, dass sie das europäische Werteverständnis und ihre Rechte kennen lernen. Nur dann ist gleichberechtigte Teilhabe überhaupt möglich.“ Nicht selten kommt es dabei zu Konflikten mit den Familien und Ehemännern der geflohenen Frauen – je nach Herkunftsland. „Solchen Schwierigkeiten müssen wir uns stellen, mit geeignetem Personal. Es fehlt zum Beispiel an Sozial-
pädagogen und anderen Ansprechpartnern“, so Andreas Ruhl. Dafür brauche Schwerin – seit mehr als 20 Jahren mit Schulden kämpfend – unbedingt weitere Fördermittel von Bund und Land.
Was der Sozialdezernent immer wieder betont: Dass Integration nur über Bildung funktioniert – und dass damit eben nicht allein die Sprache gemeint ist. „Oft werden Projekte im musischen oder sportlichen Bereich als zweitrangig belächelt. Ich finde sie gerade wichtig, weil sie ohne Sprache funktionieren und das Miteinander von Geflüchteten und Schwerinern fördern. Wir können leider nicht alle Migranten sofort in Wohnungen und in Arbeit vermitteln. Umso wichtiger ist es, dass sie an anderen Stellen offen empfangen werden. Das ist Integration als Chance auf Bereicherung – für beide Seiten.“


Ausgezeichnete Integration
Zahlreiche Integrationsprojekte in Schwerin fördern das Ankommen von Migranten in der Gesellschaft sowie das Miteinander zwischen ihnen und Einheimischen. Einige Projekte haben eine Auszeichnung erhalten.

Sportkoordinator • Dieses Projekt wurde 2018 von der Stadtverwaltung und dem Schweriner SC Breitensport entwickelt. Den Einsatz für Vielfältigkeit in der Gesellschaft ehrte der Landessportbund M-V als beispielhafte integrative Arbeit.
(Foto 2: SSC)

Interkulturelle Begegnungsstelle für Frauen • Die Caritas bietet hier Austausch- und Informationsmöglichkeiten für weibliche Geflüchtete unterschiedlicher Herkunft. Besonders wichtig ist hier der geschützte Rahmen zahlreicher Angebote.
(Foto 3: Caritas)

Ataraxia goes Mueßer Holz • Lehrer der Kunst- und Musikschule Ataraxia bieten musikalische und malerische Projektarbeit im Stadtteil an. Instrumente und Melodien sprechen ihre ganz eigene Sprache im Sinne der Bildung und Integration.
(Foto 4: Ataraxia)

Jugendintegrationsmobil • Mitarbeiter der Sozialdiakonischen Arbeit – Evangelische Jugend (SODA) gehen an beliebten Plätzen aktiv auf Migranten zu. Das offene Ohr vor Ort wurde vom Bundesinnenministerium als „beispielhaft“ ausgezeichnet.
(Foto 5: SODA)

Janine Pleger

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