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Freie Kunst im Wohnblock
(27.03.2020)

Vor dem Abriss der WGS-Wohngebäude in Neu Zippendorf haben Künstler neun Wohnungen gestaltet

Neu Zippendorf • Es war ein farbenfroher und stimmungsvoller Abgesang für die Gebäude in der Pankower und
Magdeburger Straße: Am 7. März feierte der Verein „Die Platte lebt e.V.“ im Stadtteiltreff Eiskristall Abschied. Für ein neues Wohnquartier werden die Häuser bald weichen, zuvor erstrahlten sie durch Graffiti-Kunst und Rauminstallationen in ganz neuem Licht.

„Als sich der Block langsam leerte, dachte ich: Da muss man doch noch irgendwas machen“, erinnert sich Stadtteilmanagerin
Julia Quade an die Entwicklung der Idee. Die Gebäude sollten als großzügige Kunstflächen umfunktioniert werden. „Zunächst dachten wir an Graffitis von außen, aber die WGS schlug vor, dass die Künstler innen kreativ werden – nicht allein zu dieser Jahreszeit ein guter Vorschlag.“

Künstler wählten vielfältige Themen

In neun Wohnungen und dem Treppenhaus haben sich geübte Sprayer des Vereins Graffiti-Freunde Schwerin e.V. einiges einfallen lassen. Darüber hinaus bekamen Anfänger eine Chance. „Das ist etwas sehr Besonderes“, erklärt Lukas Krieg vom Verein. „Für gewöhnlich gibt es unter den Sprayern die Regel: Wer besser ist, darf ein anderes Werk übersprühen. Hier begegneten sich Profis und Neulinge mit anderem Respekt.“ Thematisch waren die Künstler frei. Lukas Krieg selbst griff in einem Treppenaufgang die Waldbrände in Australien auf. Sprayer Ingo Schuh alias „aka Soup“ befasste sich mit dem Thema Abwasser. Wieder andere sprühten oder zeichneten große Porträts auf die Wände.
Doch nicht allein Werke an der Wand gab es zu sehen – Installationskünstler gaben ebenfalls Statements ab: Zwei Räume zeigen zum Beispiel die Auseinandersetzung mit der Agentur für Arbeit. Ein Schriftstück nach dem anderen fließt aus einem Wasserhahn. Umständliche Begriffe zieren die Wände. Lange Kunststoffbahnen sind vom Boden bis zur Decke gespannt und bilden eine Art Dschungel, durch die sich der Arbeitssuchende quasi hindurchfinden muss.
„Neben den 25 Künstlern haben sich rund 180 Kinder ausgetobt“, erklärt Julia Quade. Die Friedrich-Ebert-Stiftung und der Bauspielplatz Schwerin e.V. haben dabei als Projektpartner unterstützt.

Kinder lernten das Grundgesetz kennen

„Spielerisch wollten wir speziell für Kids aus Neu Zippendorf und Mueßer Holz politische Bildung betreiben und sie an das Thema ,Grundgesetz‘ heranführen“, so Julia Quade. Das ist gelungen. Viele der Kinder und Jugendlichen wussten vor dem Projekt nicht einmal, dass es ein Grundgesetz gibt, geschweige denn, was es beinhaltet. Nun geben die Wände Passagen daraus wieder, ergänzt durch eigene Interpretationen. Ein Mädchen brachte das „Recht auf Liebe“ auf die Wand und argumentierte: „Nun dürfen sich zwei Frauen oder Männer lieben. Dazu haben sie das Recht. Das finde ich gut“.
Die Vergänglichkeit ihrer Kunst stört die Schaffenden übrigens nicht. „Wenn ein Graffiti an der Wand ist, ist es abgeschlossen. Die Erinnerung ist ausreichend. Der Prozess bis zum fertigen Bild ist viel wichtiger“, erklärt Lukas Krieg die Philosophie der Sprayer. „Dass sich dabei Künstler persönlich begegnet sind, die einander sonst nur über die Graffitis kennen, war einfach toll.“
Übrigens werden die Wandbilder nach dem Abriss der Häuser nicht komplett passé sein: Die WGS hat sie mit einem Fotografen für die Ewigkeit festgehalten. 

maxpress/Janine Pleger


BU1: Noch einen Tag vor der Abschiedsfeier des „Eiskristall“ setzten die Künstler die Spraydose zum Finale an – und sprühten dabei vor Farbe und Dynamik. Hier vervollständigt Sven alias „Wish“ sein Werk
BU2: Kinder haben sich mit dem Grundgesetzbeschäftigt und zum Teil frei interpretiert
BU3: Eine Installation thematisierte den Bürokratie-Dschungel in Deutschland
BU4: Lukas Krieg leitete das Projekt vor Ort und war begeistert vom Engagement der Künstler
BU5: Lukas Krieg thematisierte die Waldbrände in Australien: Technologie zerstört Natur
Foto: maxpress/Oliver Borchert

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