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Der Ehrgeiz kickt die Höflichkeit vom Platz
(23.07.2020)

Schiedsrichter Hannes Kusch über Fairplay im Fußball und gutes Benehmen abseits der 90 Minuten

Schwerin • Auf dem Rasen wird gekämpft und gelobt, es erfolgen Umarmungen oder Fouls, Freude und Leid teilen sich das Spielfeld. „Fußball ohne Emotionen geht nicht“, sagt Hannes Kusch, Schiedsrichter beim FC Mecklenburg- Schwerin. Die hauspost sprach mit dem 31-Jährigen über Ballgefühle und Fairplay auf dem Platz.

hauspost: Sie sind seit zwölf Jahren Schiedsrichter. Hat sich in der Zeit etwas verändert?
Hannes Kusch: Der Ton ist auf jeden Fall rauer geworden. Jugendliche sehen sich in den Medien an, wie sich manch ein Bundesliga- oder Nationalspieler aufführt. Sie machen das nach und kommen im Jugendfußball vielleicht noch damit durch. Bei den Männern wird später härter gepfiffen und schon suchen sie einen Schuldigen.

hauspost: Und das ist der Schiedsrichter?
Hannes Kusch: Ja, für unreflektierte Spieler auf jeden Fall. Aber auch Trainer oder Fans am Spielfeldrand motzen und vertreten nicht unbedingt immer respektvoll ihre Meinung zum Spiel und zum Schiri.

hauspost: Mit welchen Unflätigkeiten sind Ihnen Spieler schon begegnet?
Hannes Kusch: Verbale Beschimpfungen gibt es in vielen Formen. Man muss auf Durchzug schalten können und sich persönlich abgrenzen. In meinen ganz jungen Schiri- Jahren hat mir allerdings mal ein Spieler die Pfeife aus dem Mund geschlagen. Das ging natürlich gar nicht und gab Rot.

hauspost: Ist das sogenannte Fairplay dasselbe wie Höflichkeit im Sport?
Hannes Kusch: Nein. Da, wo der Ehrgeiz wächst, wo jemand gewinnen will, setzt die klassische Höflichkeit erstmal aus. Fairplay ist, wenn ich dennoch nicht foule oder so tue, als wäre ich gefoult worden. Höflich dagegen ist für mich, wenn Spieler nach einem Spiel zu mir kommen und abklatschen – unabhängig vom Ergebnis. Und ein guter Verlierer zu sein, hat für mich auch etwas mit Höflichkeit zu tun.

hauspost: Wie zeigen Sie Ihrerseits Respekt gegenüber den Spielern?
Hannes Kusch: Ich lege Wert darauf, mit ihnen zu sprechen und zu warnen, wo es möglich ist, bevor ich die Karte zücken muss. Auch wie ich pfeife, hat mit Höflichkeit zu tun. Durch die Art und Weise zeige ich, worauf sich ein Spieler bei der darauffolgenden Konfrontation einstellen muss. Ein kurzer Pfiff ist also nicht so schlimm wie ein langer. Als Schiedsrichter muss ich lesbar sein – so nennen wir das. Das ist fair. Und: Eine Situation nähert sich an. Ich pfeife also nicht nur Vergehen, sondern lenke das Spiel im Idealfall so, dass es gar nicht erst dazu kommt. Agieren statt Reagieren.

hauspost: Was ist aus Ihrer Sicht das Wichtigste für ein faires Fußballspiel?
Hannes Kusch: Verständnis – für die Regeln und Taktiken des Sports, für die Entscheidungsgrundlage des Schiedsrichters – es ist ja nicht Willkür – und für den Charakter des Spielers. Wenn nach 90 Minuten keiner pöbelt und alle einvernehmlich sagen „war nix“, dann ist das das Größte.

jpl

„Fußball ohne Emotionen geht nicht“, sagt Hannes Kusch, Schiedsrichter beim FC Mecklenburg- Schwerin.
Auch die gelbe Karte muss Schiedsricher Hannes Kusch immer wieder ziehen, Foto: maxpress

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