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Chor für Menschen mit Demenz stärkt musikalisches Gedächtnis
(22.08.2017)

Katharina Kaschny über Musikgeragogik & Freude am Singen

Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, denn singen macht Freude. Das gilt auch für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen. Die Kultureinrichtungen der Stadt bieten gemeinsam mit dem Zentrum Demenz, dem städtischen Fachdienst Gesundheit und dem Helferkreis Schwerin ab 6. September 2017 ein spezielles Chorangebot in der Volkshochschule Schwerin an. Wir sprachen mit der Musikerin Katharina Kaschny über Musikgeragogik und das musikalische Gedächtnis von Menschen mit Demenz.

Frage: Frau Kaschny, Sie gehören zu den Ideengeberinnen für das Schweriner Chor-Projekt, das sich an Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen richtet. Warum hilft ausgerechnet das Singen diesen Menschen?

Katharina Kaschny: Sprache und Musik sind wichtige Kommunikationsmittel. Gerade die Musik gilt als einer der „Königswege“ im Umgang mit Menschen mit Demenz. Warum? Der Musikbereich im menschlichen Gehirn bleibt von der Demenz nahezu vorschont. 

Singen verbindet wunderbar die Sprache und die Musik. Fast jeder kann es. Langes Üben ist in diesem Fall nicht notwendig. Es gibt keine großen Vorbereitungen und funktioniert wunderbar in der Gruppe. Man kann sich darin verstecken und ist trotzdem dabei. Das bedeutet für vielen Menschen Sicherheit und Geborgenheit.

Frage: Können sich Menschen mit Demenz denn Melodien und Texte merken?

Katharina Kaschny: Menschen mit ​Demenz erinnern sich sehr gut an Volkslieder, Filmschlager oder beliebte Lieder aus dem Radio, während sie vielleicht schon vergessen haben, wer sie selbst sind. 

Oft erlebe ich diese Menschen sehr frei beim Singen und Musizieren. Die Selbstzensur fällt nach und nach weg. Die freie Entfaltung von Gefühlen nimmt immer mehr Raum ein. 

Ich habe beobachtet, dass durch musikalische Rituale es tatsächlich möglich ist, Menschen mit Demenz neue Lieder „beizubringen“.  Diese werden auch noch nach dem völligen Verstummen eines Menschen mit Freude erkannt. 

Frage:  Sie sind selbst mit musikalischen Angeboten  in Schweriner Altenheimen unterwegs. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?

Katharina Kaschny: Wenn man gemeinsam musiziert, entsteht eine wunderbare Nähe. Aus einem großen Aufenthaltsraum wird eine gemütliche Runde. Das geschieht fast unmerklich: Vorher abwesende Blicke füllen sich mit Leben. Die Oberkörper richten sich auf. Man schenkt sich gegenseitig ein  Lächeln. Die Gesichter strahlen. Auch das ist Kommunikation. Und sie kommt ohne Worte aus.

Seit 2011 betreue ich regelmäßig Seniorengruppen in verschiedenen Seniorenheimen. Die Zusammensetzung ist dabei sehr verschieden. Es treffen Menschen mit körperlichen Einschränkungen und Menschen mit Demenz auf einander und kommen sich näher. Wir erzählen uns Geschichten, Wissenswertes und Alltagserlebnisse. Verbunden mit Musik ist das eine schöne Kombination von Biografiearbeit, Gedächtnistraining und das Aufbrechen der im Alter oft einsetzenden sozialen Isolation. 

Kontinuität ist diesem Bereich sehr wichtig. Das gemeinsame Singen wird von vielen Teilnehmern als kleiner Höhepunkt der Woche empfunden.

Frage: Braucht man eine spezielle Ausbildung für die Arbeit mit Menschen mit Demenz?

Katharina Kaschny: An der Musikschule habe ich viele Jahre Musikprojekte konzipiert, bei denen ich meine Schüler mit ihren Großeltern zusammen musizieren lies. Das kam so gut an, dass ich eine Ausbildung zur Musikgeragogin absolviert habe. Was ist Musikgeragogik – werden sich wahrscheinlich viele fragen? Bei der Musikgeragogik geht es um die musikalische Bildung von Menschen im 3. Und 4. Lebensabschnitt. Im Gegensatz dazu steht in der Pädagogik die Erziehung im Vordergrund. Bei Menschen 60 + muss man nicht mehr erziehen.

Neben der musikalischen Ausbildung ist ein hohes Maß an sozialer Kompetenz, Kommunikationsfähigkeit  und Kreativität gefragt.

Frage: Warum werden auch die pflegenden Angehörigen in das Chor-Projekt einbezogen?

Katharina Kaschny: Das hat ganz praktische Gründe: Ohne die Angehörigen/Betreuungspersonen erfahren Menschen mit Demenz nichts von dem Angebot. Außerdem können sie ohne Begleitung gar nicht an den Chorproben teilnehmen. Und dann wollen wir natürlich auch den pflegenden Angehörigen etwas bieten. Sie leisten Außerordentliches und können etwas Schönes erleben, auf das auch sie sich jede Woche freuen  können. Es ist außerdem eine Chance, gemeinsame positive Erlebnisse mit Partner zu schaffen.

Bei der Chorprobe treffen die  Begleitpersonen außerdem auf Gleichgestimmte. Sie  können Kontakte knüpfen und sich über ihre Erfahrungen und Probleme austauschen. Denn sie kommen durch die Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz  leicht  in Situationen, in denen sie sich überfordert und isoliert fühlen.

Das mit dem Singen verbundene Erfolgserlebnis „das kann ich ja“ verbunden mit der Teilhabe an einer Gemeinschaft und dem Kontakt zu Personen in einer vergleichbaren Lebenssituation kann ein wertvoller Schatz im Alltag sein. Die wöchentliche gemeinsame Singen kommt also allen zugute!

Interview: Michaela Christen

Service und Kontakt:

Das kostenlose Angebot startet am 6. September. Für die Teilnahme sind keine Chorerfahrungen oder Notenkenntnisse erforderlich. Die Proben finden immer Mittwochvormittag von 10.30 Uhr bis 11.30 Uhr in der Volkshochschule (ehemalige Schelfschule), Puschkinstraße 13, in Raum 12 statt.

Anmeldungen sind im Kultur- und Informationszentrum KIZ, Puschkinstraße 13,
Tel.: 0385 5912719 oder 5912720 bzw. per  E-Mail: iklietz@schwerin.de möglich.

 

 

Foto: Falko Barz

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